Risikowahrnehmung von Genome Editing: Vorbehalte und großes Informationsbedürfnis vorhanden

30.10.2017
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)

Seit Jahrzehnten verändert der Mensch die Erbinformation von Pflanzen oder Tieren, um neue Sorten oder Rassen zu erzeugen. Bestimmte neuere molekularbiologische Methoden, bekannt unter dem Sammelbegriff Genome Editing, ermöglichen zielgerichtete Eingriffe in das Erbmaterial. Erfolg versprechend ist insbesondere die Methode CRISPR/Cas9, die beispielsweise in der Landwirtschaft oder der Medizin eingesetzt werden könnte. Die Einstellung der Menschen in Deutschland gegenüber diesen neueren Methoden ist bisher jedoch kaum wissenschaftlich untersucht. Da das Wissen um die Einstellungen und den Kenntnisstand der Bevölkerung grundlegend für eine angemessene Risikokommunikation ist, hat das BfR in einer Studie Fokusgruppen-Interviews durchgeführt."Obwohl die Befragten Genome Editing kaum kannten und sie wenig über diese Techniken wussten, wird der Einsatz dieser Verfahren im Lebensmittelbereich mehrheitlich abgelehnt.“, sagt BfR-Präsident Professor Dr. Dr. Andreas Hensel. „Das zeigt, wie wichtig die Information der Öffentlichkeit über aktuelle Erkenntnisse in der Risikobewertung ist.“

Veränderungen an der Erbinformation sind Teil des Lebens. In der herkömmlichen Pflanzen- und Tierzüchtung nutzt der Mensch Verfahren, um die natürliche Mutationsrate zu erhöhen und aus den Mutanten neue Sorten oder Rassen mit nützlichen Eigenschaften auszuwählen. Bestimmte neuere molekularbiologische Methoden, die unter dem Sammelbegriff Genome Editing bekannt geworden sind, unterscheiden sich in diesem Punkt nicht von der herkömmlichen Züchtung. Ein entscheidender Unterschied ist: Mit den Verfahren des Genome Editing können sehr gezielte Veränderungen im Genom des Zielorganismus eingeführt werden. Besonders Erfolg versprechend ist derzeit die Methode CRISPR/Cas9, mit deren Hilfe das Genom gezielt modifiziert werden kann. Sie eröffnet eine Vielzahl von neuen Anwendungsmöglichkeiten. Beispielsweise wird der Einsatz in der Landwirtschaft, wie etwa bei der Entwicklung von krankheitsresistenten Pflanzensorten, oder in der Medizin diskutiert. Derzeit hat der Gesetzgeber noch nicht entschieden, wie Genome Editing rechtlich einzustufen ist.

Das BfR befasst sich unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten mit der Thematik Genome Editing. Darüber hinaus erarbeitet das BfR Empfehlungen und Maßnahmen für die Risikokommunikation. Dafür ist jedoch das Wissen um die Einstellung der Verbraucherinnen und Verbraucher zur Thematik grundlegend. Moderierte Gruppendiskussionen, sogenannte Fokusgruppen-Interviews, ermöglichen einen Einblick in konkrete Sichtweisen, Einstellungen und gegebenenfalls Sorgen von Bürgerinnen und Bürgern.

Vor diesem Hintergrund hat das BfR Fokusgruppen mit insgesamt 39 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gebildet und befragt. Die Interviews gaben einen Einblick, was Verbraucherinnen und Verbraucher derzeit über Genome Editing wissen und welche Faktoren bei ihnen die Risiko-Nutzen-Abwägung prägen. Außerdem wurde ermittelt, wie die Teilnehmenden Genome Editing im Verhältnis zur konventionellen Gentechnik einordnen und welches Informations- sowie Regulationsbedürfnis sie haben.

Die wesentlichen Ergebnisse sind: Unabhängig von der noch nicht erfolgten gesetzlichen Einstufung sind Verfahren des Genome Editing für die Teilnehmenden der Interviews eine Form der Gentechnik. Daher haben sie den Verfahren gegenüber auch ähnliche Vorbehalte. Im Lebensmittelbereich überwiegen nach Ansicht der Teilnehmenden die Nachteile der Verfahren; der Einsatz von Genome Editing wird daher mehrheitlich abgelehnt. Eindeutig fordern die Teilnehmenden eine Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel, die mithilfe des Genome Editings produziert wurden. Außerdem erwarten sie eine strenge Regulation von Genome Editing durch die zuständigen Behörden. Anders sieht es im medizinischen Bereich aus: Hier ist der Einsatz für viele akzeptabel, da die Notwendigkeit und ein therapeutischer Nutzen ersichtlich seien. Bei der Bewertung von Genome Editing spielt auch das Alter der Befragten eine Rolle: Jüngere Personen zeigten sich positiver und offener gegenüber den neuen Methoden als ältere Personen.

Deutlich wurde auch, dass die Teilnehmenden wenig über die Verfahren des Genome Editing wissen. Gleichzeitig wünschen sie sich eine öffentliche Aufklärung über die Methoden, um einen sachkundigen gesellschaftlichen Diskurs zu eröffnen. Für zukünftige Risikokommunikationsstrategien ist es essentiell, diesem Informationsbedürfnis der Verbraucherinnen und Verbraucher entgegen zu kommen.

Der Bericht zum Forschungsprojekt ist unter dem Titel „Durchführung von Fokusgruppen zur Wahrnehmung des Genome Editings (CRISPR/Cas9)“ als Band 04/2017 in der Reihe BfR-Wissenschaft erschienen. Printversionen können für 5 Euro unter publikationen@bfr.bund.de angefordert werden. Daneben besteht die Möglichkeit, den Bericht kostenlos herunterzuladen und auszudrucken. Er steht auf der Homepage des BfR unter dem Menüpunkt Publikationen/BfR-Wissenschaft zur Verfügung. Dort finden Sie auch einen Überblick über alle anderen in der Reihe BfR-Wissenschaft erschienenen Publikationen.

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